Elbefahrt 2001

(geschrieben im Jahre 2017 anhand der alten Notizen, somit naturgemäß nicht mehr ganz so detailreich wie die Berichte aus neuerer Zeit)

Die Idee einer Kajakreise die Elbe hinunter von der tschechischen Grenze bis heim nach Hamburg spukte schon länger in unseren Köpfen herum. 1999 ließ sie sich aufgrund eines Arbeitsplatzwechsels nicht verwirklichen, und 2000 wurde als Vorbereitung der Neuseelandreise erst einmal per Motorrad nach Korsika gefahren. Aber dieses Jahr war es nun soweit.

Das Hauptproblem der meisten Kajakfahrten, dass man nämlich mit dem Boot eine gewisse Strecke zurücklegt und sein Auto danach immer noch an der Einsatzstelle stehen hat, konnten wir recht elegant lösen. Denn ich hatte einen Autovermieter gefunden, bei dem ich ein Auto in Hamburg mieten und in Dresden abgeben konnte. Und da dieses Auto eine Dachreling hatte (extra so bestellt), nahmen wir statt eines Dachträgers einfach zwei Holzlatten, auf die wir unser Boot (ein Zweierkajak) legten, das dann statt am Träger an eben dieser Dachreling genauso sicher verzurrt wurde. Und diese Holzlatten mussten wir dann eben auch nicht mehr wieder mit zurücktransportieren.

Sa, 23.06.2001

Gepackt hatten wir schon am Vorabend, gleich nach Öffnung des Büros wurde der Wagen übernommen, dann beladen, und um 1100 Uhr waren wir unterwegs. Die Fahrt nach Sachsen ging problemlos von statten, und gegen 1830 Uhr trafen wir im Zielgebiet ein.

Laut unserem Flussführer [1] sollte es bei km 2 (die Kilometrierung beginnt an der deutsch-tschechischen Grenze mit 0) nahe Schöna einen Campingplatz geben, von dem aus wir starten wollten. Doch den konnten wir nicht finden. Als wir eine Frau danach befragten, die am Ufer einen Hund ausführte, meinte sie, es gäbe hier keinen, aber wir könnten auch bei ihr übernachten. Es zeigte sich, dass sie mit ihrem Partner zusammen öfters Gäste aufnahm, die beiden betrieben anscheinend eine Art inoffizielle Herberge, die von Teilen der regionalen Bergsteigerszene gerne besucht zu werden schien. Da mussten wir zwar einen kleinen Obolus bezahlen, aber das war völlig in Ordnung, zumal wir hier auch Abendessen und Frühstück bekamen.

So, 24.06.2001

Während der Nacht fuhren immer wieder schier endlose Güterzüge mit Autowaggons direkt an unserem Fenster vorbei, das Gleisbett lag unmittelbar neben dem Haus, entsprechend unruhig war die Nacht. Aber wir bekamen ein kräftiges Frühstück und eine Empfehlung für eine Wanderung im Elbsandsteingebirge.

Zuerst, nachdem wir ein kleines Stück stromauf gegangen und die Fähre nach Schmilka genommen hatten, ging es einen Weg hoch, der "Heilige Stiege" hieß. Der zweite Teil des Namens kam ganz klar daher, dass wir richtig viele Stufen steigen mussten, stellenweise hatte man große Treppenkonstruktionen aus Stahl an die Berghänge gelehnt. Und ich vermute, der erste Teil entstammte den Stoßseufzern der Wanderer, die diese bereits erklommen haben, wenn sie unterwegs innehielten, um wieder zu Atem zu kommen. Auch wir waren hier nicht ganz alleine. An einer Stelle kam eine junge Familie die Treppen hochgestiegen, der Vater hatte den etwa dreijährigen Sohn in einem Tragestuhl auf dem Rücken. Und als er oben anhielt, um sich kurz umzudrehen und Luft zu holen, rief der Junge sofort: "Los, Papa, weiter! Hüa!" und gebrauchte die Hacken wie Sporen.

Aber der (nur der Steigung wegen) etwas beschwerliche Weg lohnte die Mühe, oben hatten wir eine herrliche Aussicht (Kipphornaussicht genannt). Auf dem großen Winterberg gab es auch ein Restaurant, wo wir etwas zu Mittag bekamen. Auf dem Rückweg ging es den Bergsteig hinunter, der auch mit einigen Treppenstufen aufwartete, als wir wieder an der Elbe ankamen, hatten wir echt weiche Knie.

Zum Abendbrot fand sich mit Dieter noch ein weiterer Gast ein, der auf dem Rückweg von einer Wanderung kurz vorbeigekommen war. Da unser Mietwagen vor dem Haus stand und seine Freikilometer längst noch nicht ausgeschöpft waren, ergab es sich, dass ich ihn damit nachher nach Hause gebracht habe, so musste er nicht die Bahn nehmen und konnte länger bleiben, und es handelte dich nur um eine Distanz von vielleicht 25 Kilometern.

Mo, 25.06.2001

Heute nun sollten die die müden Füße ihre Ruhe und dafür die Arme Arbeit bekommen. Aber zuerst musste noch das Auto abgegeben werden. Bei dem Zugverkehr vor unserem Fenster war es sowieso unmöglich, zu verschlafen, und so konnte ich den Wagen pünktlich zur Öffnung des Mietbüros in Dresden loswerden. Zurück ging es bequem per Vorortzug, genau an unserem Fenster vorbei und zu Fuß das kurze Stück vom Bahnhof Hirschmühle wieder zurück. Dann unser Boot (ein Zweierkajak) beladen und Abschied, und um 1100 Uhr waren wir auf dem Wasser.

Das Elbsandsteingebirge ist nicht nur von oben, sondern auch von unten schön. Wir kamen an Königsstein vorbei, hier hätte es einen Campingplatz gegeben. Bis Pirna war die Fahrt richtig toll. Dann kamen wir nach Dresden und landeten bei einem Vereinshaus in Laubegast, wo wir fragten, ob wir hier zwei Nächte bleiben konnten. Das wurde uns auch sofort gewährt, und wir mussten nicht einmal das Zelt aufbauen, sondern konnten in den Vereinsräumen unsere Isomatten ausrollen.

Beim Abendspaziergang kamen wir an einer Gaststätte namens "Volkshaus" vorbei, die einen urigen Eindruck machte, aber geschlossen hatte.

Tagesstrecke 41 km

Di, 26.06.2001

Zur Stadtbesichtigung konnten wir recht bequem mit der Straßenbahn fahren, die in der Nähe des Bootshauses hielt. Dabei fiel mir auf, dass es relativ viele Stellen gab, an denen ein einzelnes hohes altes Haus stand, wo man ahnen konnte, dass hier früher (vor dem Krieg) einmal eine ganze Zeile solcher Wohnhäuser gestanden hatte, aber dazwischen war gar nichts, teilweise wurden die Freiflächen überhaupt nicht genutzt. Bei uns in Hamburg hat man dort nach dem Krieg meist wenigstens ein eingeschossiges Gebäude mit einem Geschäft darin errichtet, dann fällt das nicht ganz so sehr auf, wieviel so alles kaputtgegangen ist damals.

Unser Ziel war natürlich die Innenstadt. Natürlich guckten wir uns die Semperoper und den Zwinger an, und wir standen eine ganze Weile vor der Baustelle, wo die Frauenkirche wieder aufgebaut wurde. Als ich 1991 zum ersten Mal hier war, lag hier noch ein Schutthaufen. Inzwischen war der Bau schon recht weit gediehen. Auf Schautafeln wurden wir informiert, dass man sich bemühe, die alten Steine wieder dort einzusetzen, wo sie gewesen waren. Wir fanden allerdings, dass man sich dann auch noch die Mühe hätte machen sollen, sie vorher sauberzumachen. Denn die alten Steine waren fast schwarz und hoben sich deshalb stark von dem frischen Sandstein des neuen Materials ab. Außerdem waren die alten Stücke nur wenige, das störte nach unserem Geschmack die Ästhetik des Bauwerkes doch ziemlich. Möglicherweise war das sogar beabsichtigt, aber es warf zudem die Frage auf, woher man denn wissen wollte, dass dieser einzelne schwarze Stein in der glatten Wand dort oben denn wirklich genau an diese Stelle gehörte und nicht vielleicht doch eine Reihe weiter nach oben oder unten.

Am frühen Nachmittag stellten wir fest, dass wir genug davon hatten, bei schönstem Wetter durch die Stadt zu laufen, und erst recht wollten wir jetzt nicht noch in irgendwelche Museen oder dergleichen gehen. Um jetzt noch das Boot zu packen und weiterzufahren, war es allerdings etwas spät. Aber morgen wollten wir mal versuchen, früh aufzubrechen, die Strecke nach Meißen war nicht allzu lang, da konnten wir die Stadt hoffentlich noch am Nachmittag besichtigen und würden nicht schon wieder einen Tag verlieren.

Mi, 27.06.2001

Plangemäß ging es früh am Morgen weiter. Nach dem Passieren der Innenstadt war von Dresden kaum noch etwas zu sehen, die Häuser standen alle weit ab vom Flussufer, vermutlich wurde hier bei Hochwasser nach der Schneeschmelze alles überspült. (Diese Fahrt fand ja noch vor dem ersten von mehreren "Jahrhunderthochwassern" dort statt, schon damals fanden wir das vernünftig, dem Wasser genügend Raum zu lassen.) Ungefähr ab Fluss-Kilometer 75 wurde es wieder schön, es gab wieder Berge zu sehen, und Wein wurde hier auch geerntet.

Meißen erreichten wir ebenso plangemäß am frühen Nachmittag. Der dortige Kanuverein lag etwa 150 Meter rechts vor der Brücke und war nicht ganz leicht zu finden: Hinter dem hohen Schilf war am Ufer eine Mauer gezogen, und man musste erst ein grünes Tor öffnen, um das Bootshaus sehen zu können. Aber wir wurden freundlich aufgenommen. Stolz wurden uns die nagelneuen Sanitäreinrichtungen gezeigt, die aus Fördermitteln bezahlt worden waren. Zum Duschen musste man ein Markstück einwerfen, dafür bekam man aber auch 5 Minuten lang warmes Wasser. (Heutzutage überkommt mich doch ein gewisses Schmunzeln, wenn ich an eine gewisse Knauserigkeit damals denke, die noch aus Zeiten stammt, zu denen ich allerdings tatsächlich fast gar kein Geld hatte. Als Azubi per Anhalter in Frankreich unterwegs habe ich auf den Campingplätzen normalerweise die Kaltdusche genutzt, die umsonst war, während man für die Warmdusche Jetons kaufen musste. Und zu Studienzeiten bin ich mal zusammen mit einem gleichgesinnten Kumpel in einem Bootshaus abwechselnd unter die laufende Dusche gehüpft, um nur ja nichts zu verschwenden, weil der Apparat 50-Pfennigstücke schluckte und unbarmherzig weitertickte, auch wenn man das Wasser abdrehte.)

Die Altstadt von Meißen gefiel uns, und oben vom Schlossberg hatte man einen schönen Blick über den Fluss. Allerdings waren wir für eine Besichtigung dann doch etwas spät dran, das Eintrittsgeld war uns doch zu schade, um das nicht auch voll ausnutzen zu können. Aber wir fanden ein Restaurant, wo wir draußen sitzen und über das Tal gucken konnten, um den schönen Tag stilvoll ausklingen zu lassen.

Tagesstrecke 36 km

Do, 28.06.2001

Um 1030 Uhr kamen wir los, denn auch hier musste ja wieder kein Zelt abgebaut werden. Bis etwa Flusskilometer 100 war die Landschaft noch sehr schön, dann wurde sie flacher. Kurz vor Riesa legten wir an, um Pause zu machen. Als dann aber ein Regenschauer einsetzte, flüchteten wir wieder in unser Boot, denn unter der geschlossenen Spritzdecke bleibt die Hose trocken. Darüber trägt man dann eine Regenjacke mit Neoprenbündchen an den Ärmeln, auf dem Kopf ein Südwester, dessen breiter Kragen verhindert, dass einem das Wasser in den Nacken läuft. So lässt sich auch starker Regen ganz gut aushalten, man darf dabei nur nicht aussteigen müssen, etwa wenn man ein Wehr umtragen muss. Aber das nächste (und einzige) Wehr war in Geesthacht, das war noch weit.

Die Flusskilometer werden auf großen Tafeln am Ufer angezeigt, da hat man stets einen Überblick darüber, wo man ist, wie weit man noch muss und so weiter. Nach der Tafel 121 folgte "121A". Unser Flussführer [1] sagte dazu nur ganz lapidar: "die Differenz ist preußisch-sächsisch bedingt". Nun gibt es die Königreiche Preußen und Sachsen ja schon etwas länger nicht mehr, aber von einigen ihrer alten Zöpfe mag man sich offenbar immer noch nicht trennen.

Der Regen hörte auf, kurz bevor wir in Mühlberg ankamen. Weil der Campingplatz weit ab vom Wasser lag (wir hatten zwar für solche Fälle einen zusammenklappbaren Bootswagen dabei, scheuten aber die Mühe), versuchten wir es zuerst bei dem Ruderverein. In Hamburg gibt es ja unter den Ruderern einige, die sich für etwas Besonderes zu halten scheinen. Wir haben es schon mehrfach erlebt, dass so ein Ruderboot auf der zu einem See aufgestauten Außenalster versuchte, eine Gruppe Paddler mit lauten "Wahrschau!"-Rufen aus dem Weg scheuchen wollte, wo doch wirklich genügend Platz zum Ausweichen war. Aber fragen konnten wir ja mal. Und wir wurden freundlich aufgenommen und mussten wieder kein Zelt aufbauen, sondern durften im Haus schlafen.

Der Ort allerdings wirkte auf uns total trostlos. Hier waren definitiv keine irgendwie gearteten Fördergelder angekommen, das Schloss war baufällig und nirgendwo Anzeichen von Fröhlichkeit zu finden. Nicht nur wegen der Abwesenheit von gemütlichen Restaurants, sondern auch nach einem erschrockenen Blick in die Reisekasse wurde heute zum ersten Mal selbst gekocht.

Tagesstrecke 46 km

Fr, 29.06.2001

Wahrscheinlich darf man sich nicht sagen: "Wir müssen ja kein Zelt abbauen, da können wir und etwas mehr Zeit lassen heute", denn wir waren wieder erst um 10 vor 11 bereit zur Weiterfahrt. Die Strecke habe ich als ziemlich langweilig in Erinnerung - Wiesen mit einzelnen Bäumen - aber das war nur mein persönliches Empfinden und mag durchaus daran gelegen haben, dass wir noch etwas unter dem Eindruck des Elbsandsteingebirges standen.

Und völlig reizlos ist die Natur ja eigentlich nie. Am Ortsende von Stehla gab es ein Storchennest, und wir hatten auch gestern schon irgendwo Störche gesehen. Auch konnten wir unterwegs viele Reiher beobachten, und es gab ganze Kolonien von weiß-schwarzen Vögeln, die wir nicht kannten.

Torgau, das uns auch nicht so einladend erschien, wurde durchfahren. Erst bei der Fähre von Bad Pretzsch hielten wir an, hier war in unserem Flussführer [1] eine Zeltmöglichkeit angegeben. Und der Wirt von der Gaststätte bestätigte das mit den Worten: "Dies ist kein offizieller Zeltplatz, aber da drüben zelten öfter welche." Es gäbe dort nur den verschlossenen Bootslagerschuppen der örtlichen Schule und keine Sanitäreinrichtungen. Nun, dann würden wir eben bei ihm zu Abend essen, danach die Toilette benutzen und uns dabei eine Flasche Wasser zum Zähneputzen abfüllen.

Zuvor der übliche Spaziergang bot wenig Interessantes außer einem kleinen, aber schon sehr verfallenen Barockschloss, dessen Renovierungsstau später der Wirt bitter beklagte. Noch mehr Grund zur Klage hatte er indes über den Stillstand der Elbfähre hier, deren Seilwinden erneuert und dabei zu klein dimensioniert worden seien. Deshalb würden bei ihm keine Fahrradwanderer mehr vorbeikommen, und entsprechend wenig Betrieb war hier auch heute Abend. Dafür wurde uns eine andere nette Überraschung geboten: Das Getränk, das uns Hamburgern als "Alsterwasser" und den Süddeutschen als "Radler" bekannt ist, wurde hier "Ententeich" genannt und auch genauso serviert - ein sehr weites Weinglas, fast schon eine Schale, gefüllt mit 0,4 Litern Bier-Limonade-Gemisch, auf dem eine kleine Quietscheente schwamm.

Tagesstrecke 59 km

Sa, 30.06.2001

Weil es hier gar keinen Schatten gab, sind wir frühmorgens von der Sonne "aus dem Zelt gesprengt" worden (der Moment, an dem man die Hitze nicht mehr aushält und fluchtartig das Zelt verlässt, überkommt einen immer recht plötzlich). So waren wir heute schon um 940 Uhr auf dem Wasser. Aber auch dort gab es keine Abkühlung, heute herrschte wirklich überall eine Gluthitze. Erst kurz vor Wittenberg gab es links erstmals etwas Wald. Aber auch da kamen wir nur selten in den Genuss von Schatten, denn dazu musste man sich schon sehr dicht am Ufer halten, und da durften die Bäume dann auch nicht weit entfernt stehen.

In Wittenberg waren wir früh genug, um uns noch etwas die Stadt anzugucken. Aber das, was wir sahen, begeisterte uns nicht besonders, und das Lutherhaus konnte man sich von innen auch gar nicht angucken, das wurde nämlich gerade renoviert und war geschlossen. Zudem bekam Ulrike leichte Probleme mit Heuschnupfen, weshalb wir bald wieder zurück beim Zelt waren, und heute wurde wieder selber gekocht. Weil danach ein kleiner Gewitterschauer niederging, haben wir uns dann recht früh in Zelt und Schlafsäcke verzogen.

Tagesstrecke 28 km

So, 01.07.2001

Gestern hatten wir das Zelt strategisch günstig so aufgebaut, dass es heute früh im Schatten einer Weide stand und wir ziemlich lange schlafen konnten. Ansonsten hatte der Schauer gestern nämlich so gut wie keine Abkühlung gebracht.

Aber die Landschaft gefiel uns auf diesem Abschnitt richtig gut. Und auch von der Tierwelt sahen wir einiges. Über uns kreisten öfters mal Raubvögel, und einmal sahen wir Rehe am Ufer. Andere Tiere waren da nicht so angenehm, die saßen nämlich in Motorbooten, fuhren lärmend durch die Gegend und legten auch schon mal in unter Naturschutz stehenden Abschnitten verbotswidrig an.

Bei Kilometer 248,2 versprach unser Flussführer [1] einen offiziellen Rastplatz, aber den haben wir nicht gefunden (oder ihn nicht als solchen erkannt) und sind deshalb durchgefahren. In Dessau konnte man natürlich aussteigen, aber diese Stadt erschien uns so wenig anziehend, dass wir beschlossen haben, noch bis Aken weiterzufahren.

Hier konnten wir im Bootshaus eines Kanuvereins übernachten, so dass wir nicht einmal unser Zelt aufbauen mussten. Wir schnackten noch eine Weile mit dem Menschen, der uns den Schlüssel gegeben hatte, erwähnten das gute Wetter der letzten Tage, und er meinte, ja, bisher sei das Wetter gut gewesen, aber am Donnerstag würde es Gewitter geben, und dann sei Schluss damit. Nun ja, heute war Sonntag, bis dahin kann ja noch eine ganze Menge passieren, mal abwarten. Aber komischerweise sollte von diesem Zeitpunkt an beinahe jeder, mit dem wir sprachen, erklären, am Donnerstag wäre die schöne Zeit vorbei, "Donnerstag gibt das Gewitter!"

Bei der obligatorischen Stadtbesichtigung am Abend fanden wir am Markt ein griechisches Restaurant, und weil wir schon recht lange nicht mehr griechisch gegessen hatten, gingen wir hinein. Und das sollten wir nicht bereuen, das Essen war super, und danach bekamen wir statt des üblichen Ouzo einen Metaxa kredenzt, der ultralecker schmeckte.

Tagesstrecke 62 km

Mo, 02.07.2001

Auch an diesem Morgen gelang es uns nicht, früher aufzustehen als die letzten Tage. Bis in die Gegend von Floss-Kilometer 310 empfanden wir die Landschaft immer noch als sehr schön. Und auch die Tierwelt bot Abwechslung, neben etlichen Vogelarten haben wir unterwegs auch noch ein Reh gesehen.

Von der Stadt Magdeburg war auf der rechten Seite des Flusses lange Zeit überhaupt nichts zu sehen. Und die Einfahrt zur Alten Elbe fand sich abweichend von der Angabe im Flussführer [1] schon bei km 322,9, beinahe wären wir daran vorbeigefahren. Auch die Weiterfahrt war nicht einfach, der Wasserlauf war stark versandet, wir mussten deswegen 3x aussteigen und ein Stück weit treideln, bis wir schließlich unser Ziel, das Bootshaus des KC Börde, erreichten. Dies war recht groß, hatte eine ordentliche baumbestandene Zeltwiese, und der Sanitärtrakt war gerade frisch gebaut, mit neckischen Bewegungsmeldern für das Licht auf dem langen Korridor dorthin.

Tagesstrecke 48 km

Di, 03.07.2001

Der Morgen begrüßte uns mit viel Sonne, die lediglich sporadisch mal mit ein paar wenigen Wolken garniert war. Wieder sind wir spät losgekommen. Im Stadtgebiet waren uns "Stromschnellen" angekündigt, die aber harmlos erschienen, das kann aber auch dem derzeit recht niedrigen Wasserstand geschuldet gewesen sein. Am rechten Ufer gab es auch unterhalb der Stadt wieder viel Wildnis. Später wurde die Landschaft offener, aber teilweise durchaus reizvoll.

Hier trafen wir auf einen einzelnen Faltbootfahrer, den wir auch vor ein paar Tagen schon mal in der Ferne gesehen hatten. Heute wartete er auf uns, offenbar um uns zu fragen, ob wir eine Karte dabeihätten. Er wollte von hier aus in den Elbe-Lübeck-Kanal und weiter zur Ostsee und war sich unsicher, ob er nicht bald würde abbiegen müssen bzw. nicht vielleicht schon vorbeigefahren war. Auch ohne selbst eine Karte dabeizuhaben, konnten wir ihn beruhigen und ihm versichern, dass er der Elbe noch ein paar Tage lang würde folgen müssen. So fuhr er denn wieder alleine weiter, und wir fanden dieses Einzelgängertum so ganz ohne jede Vorbereitung dann doch irgendwie komisch.

Bei Ferchland verkehrte eine motorisierte Wagenfähre. Der Campingplatz, den es laut Flussführer [1] kurz zuvor geben sollte, war mindestens zu weit weg, wenn er denn überhaupt da war. Denn wir sind zwar ausgestiegen und haben uns umgesehen, haben aber keine Anzeichen eines solchen sehen können. Ich gestehe allerdings, dass wir nicht richtig weit gegangen sind, um ihn vielleicht doch noch irgendwo zu finden (wo wir dann mit Sicherheit richtig weit mit dem Bootswagen hätten hinkarren müssen). So haben wir dann beschlossen, weiterzufahren bis Tangermünde, auch wenn das noch ein ganzes Stück Strecke war. In Sichtweite der Stadt kam uns ein Ruderboot entgegen, und nach dieser Begegnung mussten wir unser Bild von "den Ruderern" vollends revidieren. Denn noch bevor sie uns gegen die Strömung erreicht hatten, wurden wir von ihnen schon angerufen, und zwar mit der Frage, ob wir denn schon eine Unterkunft hätten. Das hatten wir natürlich noch nicht, wir waren ja noch gar nicht da. "Dann fahrt da hinten links rein, die Türen zu unserem Bootshaus stehen offen, wir kommen dann nach!"

Das taten wir dann natürlich auch und wurden bei ihrer Rückkehr herzlich empfangen, wir durften uns sogar im Aufenthaltsraum ausbreiten und mussten somit kein Zelt aufbauen. Und der Paddelverein, der im Flussführer verzeichnet war und bei dem wir normalerweise gefragt hätten, war inzwischen aufgelöst. So passte das also alles hervorragend. In diesem Vereinshaus gab es auch ein Gästebuch. Wir blätterten darin und fanden etliche Einträge von Günter B., dem Vater von unserem Wildwasserwart. Von diesem Vater wussten wir, dass er öfters mit dem Kajak auf der Elbe unterwegs war, aber jetzt sah das fast so aus, als ob der über einen längeren Zeitraum mehrmals im Jahr diese Strecke fuhr, denn auch in anderen Bootshäusern weiter oben hatte wir ihn schon verewigt gefunden.

Wir haben uns zuerst die Stadt angesehen (mit alten Stadtmauern aus rotem Backstein) und dann einen Topf Nudeln gekocht.

Tagesstrecke 66 km

Mi, 04.07.2001

Auch heute sind wir wieder erst gegen 11 Uhr losgekommen. Das Wetter empfanden wir fast schon als brutal, ohne eine Wolke am Himmel herrschte eine ziemliche Hitze. Auch landschaftlich bot der heutige Abschnitt keine besonderen Höhepunkte.

Laut Flussführer [1] sollte bei km 416 eine Fähre sein, jedoch schien diese derzeit in Reparatur zu sein. Die Tonnen dazu lagen noch am Rand des Fahrwassers, von dem Fahrzeug selbst war jedoch weit und breit nichts zu sehen.

Der ebenfalls im Flussführer verzeichnete Zeltplatz bei km 448 erwies sich bloß als eine Art Rastplatz. Zwar standen hier einige Wohnwagen, deren Bewohner erklärten uns jedoch, es gäbe hier außer einem Plumpsklo keine weiteren Sanitäreinrichtungen wie etwa Duschen, und sogar das Trinkwasser müsse man sich selbst mitbringen. Nach etwas Verhandeln bekamen wir immerhin einen Liter Wasser, damit wir uns etwas zu Abend kochen konnten.

Tagesstrecke 60 km

Do, 05.07.2001

Wieder stand keine Wolke am Himmel, wieder war es tierisch heiß, und wieder kamen wir spät los.

In Wittenberge machten wir Halt, um uns die Stadt anzugucken, und ich ging danach noch zu einem Supermarkt, um unsere Vorräte wieder aufzufüllen. Auf dem Parkplatz davor lief eine ganz junge graugetigerte Katze herum und maunzte jeden an, der vorbeikam. Die musste wohl jemand ausgesetzt haben. Die Bedienung der Schlachtertheke, die zum Rauchen nach draußen kam, bestätigte meine Vermutung. Das Kätzchen sei schon seit zwei Tagen da, und wenn ich wollte, könne ich es mitnehmen (das wäre die nächsten Tage zumindest interessant geworden, aber das konnte sie ja nicht ahnen). Und auch sie sprach die feste Überzeugung aus, dass es heute noch Gewitter gebe.

Ab der ehemaligen Grenze wurde die Strecke schön. Hier ist ja die Natur jahrzehntelang weitgehend sich selbst überlassen gewesen. An das Anlandeverbot in den mittlerweile hier eingerichteten Naturschutzgebieten hielt sich allerdings nun niemand.

In Dömitz sollte irgendwo ein Campingplatz sein, also fuhren wir in den Hafen. Den Platz haben wir aber nicht gefunden (später haben wir erfahren, dass wir dazu auch noch die Schleuse hätten passieren müssen). Immerhin habe ich beim Hafenmeister unsere Wasservorräte aufgefüllt nach unserer Erfahrung gestern.

Damit suchten wir uns bei km 508 eine schöne Stelle, an der wir versteckt unser Zelt aufstellen konnten. Dort wurden wir (trotz Naturschutzgebiet, Asche auf unser Haupt) nicht behelligt, und das so oft angekündigte Gewitter war bisher auch ausgeblieben.

Tagesstrecke 60 km

Fr, 06.07.2001

Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Aufbruch wieder erst gegen 11 Uhr. Bei km 527 machten wir Pause an einer Slipstelle. Hier haben wir einen Motorradfahrer aus Hamburg getroffen und kurz mit ihm geschnackt. Auf der Weiterfahrt machte sich ein komisches Gefühl in uns bemerkbar: Wir waren hier in einer Gegend, die wir von Zuhause aus locker als Tagesausflug (zum Beispiel mit dem Motorrad) besuchen konnten, für uns hingegen waren es noch mehrere Tagesreisen.

Irgendwann sollte zumindest die heutige Tagesreise ihrem Ende entgegengehen, jedoch war das nicht ganz einfach. In Bleckede fanden wir überhaupt keine Ausstiegsmöglichkeit. Der Campingplatz Radegast (im Flussführer [1] angegeben) lag 250 m vom Wasser entfernt am Ortsende, hier war ein schlechter Ausstieg über eine Steinpackung, und dann hätten wir uns mit dem vollbepackten Boot auf Bootswagen durch losen Sand arbeiten müssen. In Wendewisch schien es zunächst nur Bootsliegeplätze, aber immerhin eine Slipanlage zum Bequemen Ausstieg zu geben. Dann entdeckten wir in 500 m Entfernung doch einen Campingplatz, und auf befestigtem Weg war der Transport dorthin ein lösbares Problem. Endlich wieder duschen!

Tagesstrecke 54 km

Sa, 07.07.2001

Um 1110 Uhr waren auf dem Wasser, pünktlich wie die Maurer!

Bei km 574 lag links direkt am Wasser ein weiterer Campingplatz, im Flussführer nicht angegeben, den hätten wir gestern auch nehmen können. Etwas lästig waren viele Motoryachten jetzt am Wochenende. Aber zwischendurch gab es auch immer wieder ruhige Momente, wir sahen einen Storch und etliche Kormorane.

Schließlich erreichten wir in Geesthacht die einzige Schleuse auf der ganzen langen Strecke. Wir durften mit unserem kleinen Bötchen mit in die große Schleusenkammer für die Binnenschiffe. Trotz der Größe der Kammer ging es recht zügig abwärts, und bald krabbelten an der Schleusenwand einige von den Wollhandkrabben herum, die vor etwa hundert Jahren mit den Segelschiffen vom Yangtsekiang eingewandert waren.

Gleich nach der Vereinigung von Schleusenkanal und Hauptstrom gab es links einen großen Campingplatz, und den hatten wir uns für heute als Tagesziel ausgeguckt. Nach dem üblichen Aufbauen vom Zelt, Ausrollen von Isomatten und Schlafsäcken etc. zog es mich erstmal wieder zurück zum Wasser. Hier gab es nämlich einen Badestrand, und da das seit knapp einer Woche immer wieder so großspurig angekündigte Gewitter schon lange überfällig war, musste ich mir auf diese Weise Abkühlung verschaffen. Danach wurden zum Abendessen alle Reste zusammengeworfen und verputzt, es blieb gerade noch etwas Brot für morgen zum Frühstück nach.

Mit vollem Magen gingen wir die Planung der morgigen Tour an, und hier war das auch absolut erforderlich, denn abwärts von der Schleuse war Tidengebiet. Den Tidenkalender mit den vorausberechneten Zeiten von Hoch- und Niedrigwasser hatten wir natürlich mitgenommen. Und das Glück war uns hold. Morgen sollte um 1426 Uhr Niedrigwasser in Hamburg sein, bis dahin mussten wir also dort ankommen, weil die Strömung danach flussauf laufen und uns wieder zurücktreiben würde. Die Strecke bis dahin waren 34 Kilometer, bei etwa 8-9 km/h waren das 4 Stunden Paddeln, da müssten wir also um 1030 Uhr aufbrechen, mit kleiner Pause und Reserve spätestens um 945 Uhr, das war bequem machbar.

Also nahm ich das Mobiltelefon und rief unseren Schwager Carsten in Hamburg an, um uns anzukündigen. Als er mit Ulrikes Schwester vor ein paar Jahren im Kajak die Havel von Berlin heruntergekommen war, sind wir den beiden ein Stück entgegengekommen, und so wollten wir das auch jetzt umgekehrt handhaben. "Alles klar, ich komme in den Hafen," sagte er, "aber passt auf, heute um 11 gibt das Gewitter!"

Ja, ja, das kennen wir schon.

Aber wie soll ich sagen: Pünktlich um 2250 Uhr fing das an zu donnern und zu blitzen. Da jedoch genügend hohe Bäume in der Nähe waren und wir morgen zu früher Stunde hoch wollten, hielt uns das nicht ab, uns in die Schlafsäcke zu verkriechen.

Tagesstrecke 26 km

So, 08.07. 2001

Kurz nach Mitternacht schälte ich mich wieder aus dem Schlafsack. Das Gewitter hatte überhaupt nichts gebracht, es war auch kein nennenswerter Regen heruntergekommen, der irgendwie für Abkühlung hätte sorgen können. Aber um 440 Uhr wurde ich nicht nur von Vogelgezwitscher, sondern auch von erneutem Donnergrollen geweckt, und eine Weile später ging das draußen auch los, diesmal richtig mit Regen und allem. Aber das sollte in Ordnung sein, besser jetzt als nachher beim Paddeln.

Den Wecker hatten wir auf 730 Uhr gestellt, es wurde zügig aufgestanden und gefrühstückt, buchstäblich die letzten Krümel. Nicht einmal für eine Pause hatten wir noch etwas übrig gelassen. Dann fingen wir an mit dem Zusammenpacken. Und dabei kam das Gewitter ein drittes Mal, und es stellte das von heute Morgen noch weit in den Schatten. Es hörte und fühlte sich fast an wie Weltuntergang. Bald saßen wir auf unseren Falthockern in unserem nackten Zelt, das Innenzelt und alles andere schon zusammengepackt, um uns herum die zum Glück allesamt wasserfesten Packstücke, und das Wasser floss vollflächig über die Wiese und umspülte unsere Füße. Immerhin blieben wir auf diese Weise obenherum trocken, aber so langsam floss uns die Zeit davon, denn ungefähr jetzt wollten wir eigentlich los. Aber es half natürlich alles nichts, wir mussten das Ende abwarten. Immerhin sagt die Erfahrung, dass so heftige Regengüsse nie sehr lange anhalten, und so war es auch hier. Mit den letzten Regentropfen packten wir das quatschnasse Außenzelt zusammen, und während wir die Packsäcke im Boot verstauten, kamen auch andere aus ihren Zelten und Wohnwagen, um die eventuellen Schäden zu begutachten. Und solche mag der eine oder andere wohl gehabt haben, denn während wir mit dem bepackten Boot zur Ablegestelle rollten, sahen wir jemand mit einem Schrubber sein Innenzelt ausfegen und dabei eine riesige Wasserwelle schieben. Leider war aber, als wir endlich im Boot saßen und zu den Paddeln griffen, auch unsere Zeitreserve fortgespült worden, zusammen mit einer weiteren Viertelstunde, jetzt war es 1045 Uhr.

Und mit dem schönen Wetter war es nun auch vorbei. Dabei war der bewölkte Himmel gar nicht mal so unangenehm nach der brütenden Sonne der letzten Tage, uns störte vielmehr der frische Wind, der uns nun ins Gesicht blies und gegen den wir jetzt zusätzlich anpaddeln mussten. Darum fingen wir jetzt an, im Geiste einen Plan B zu entwickeln. Auf etwa der halben Strecke lag nämlich unser Vereinsplatz in Over, wo wir das Boot deponieren und mit Bus und Bahn nach Hause fahren konnten. Wir hätten theoretisch auch dort zelten und morgen in aller Ruhe weiterfahren können (wir hatten die ganze nächste Woche noch frei), aber irgendwie wollten wir unbedingt heute noch ankommen. Und als wir in Over ankamen, waren wir noch so gut in der Zeit, dass wir es schaffen konnten. Also ohne Pause weiter.

So ganz klappte das aber doch nicht. Als wir um 1445 Uhr die Deichtorhallen passierten, kam uns das Wasser entgegen, die Flut hatte nun eingesetzt, und das strömte ganz ordentlich. Sicher waren wir auch inzwischen nicht mehr vollständig frisch bei Kräften, auf alle Fälle brauchten wir noch fast eine halbe Stunde, bis wir bei der Schleuse ankamen. Carsten war noch da, hatte sich aber schon Sorgen gemacht und versucht, uns unterwegs anzurufen (aber unser Handy lag wasserdicht verpackt tief im Boot). So fuhren wir also zu dritt in aller Ruhe das letzte Stück zum Bootshaus.

Tagesstrecke 39 km

Literatur

[1] Deutsches Flusswanderbuch, DKV Verlag, 24. Auflage 1998, ISBN 3-924580-71-5

(inzwischen ist die 25. Auflage erschienen, 2004, ISBN 3-924580-95-2)


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